Der Fall Silje
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Der Fall Silje

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Am 15. Oktober 1994 wurde die fünfjährige Silje Marie Redergård tot auf einer Rodelbahn in Rosten bei Tiller, einem Vorort südlich von Trondheim, aufgefunden. Sie war teilweise nackt und wies schwere Verletzungen auf. Am Tag danach identifizierte die Polizei drei ihrer Spielkameraden – Jungen im Alter von vier, fünf und sechs Jahren – als Verantwortliche für ihren Tod.

Die Jungen waren noch nicht strafmündig – das Strafmündigkeitsalter liegt in Norwegen bei fünfzehn Jahren –, sodass sie nicht strafrechtlich verfolgt werden konnten. Doch die Folgen für sie waren unmittelbar und schwerwiegend. Der Fünf- und der Sechsjährige wurden aus ihren Familien genommen und in Pflegefamilien untergebracht. In einem kleinen, eng verbundenen Viertel wusste jeder, wer sie waren. Sie wuchsen mit dem Stigma als Kindermörder auf.

Von Anfang an hatten die Jungen der Polizei erzählt, dass ältere Teenager Silje angegriffen hätten. Verschiedene Zeugen hatten dasselbe berichtet. Doch die Polizei ging dieser Spur nie nach. Stattdessen verhörten die Beamten die kleinen Kinder mit Suggestivfragen und psychischem Druck, bis sich ihre Aussagen änderten. Experten, die später die Verhörprotokolle prüften, kamen zu dem Schluss, dass die angewandten Methoden rechtswidrig waren und die Geständnisse der Jungen unzuverlässig waren.

28 Jahre lang galt der Fall als abgeschlossen. Dann, im November 2021, strahlte die investigative Dokumentarserie „Brennpunkt“ des norwegischen Senders NRK die Folge„Drapet i akebakken“(Der Mord auf der Rodelbahn) aus. Journalisten gingen gemeinsam mit forensischen Experten die ursprünglichen Polizeidokumente durch und stellten fest, dass es keine technischen Beweise gab, die die Jungen mit Siljes Tod in Verbindung brachten. Die Ermittlungen hatten sich ausschließlich auf die unter Zwang abgegebenen Aussagen kleiner Kinder gestützt.

Der Fall wurde wieder aufgenommen. Im Februar 2023 schloss die Staatsanwaltschaft in Trøndelag ihn offiziell ab und erklärte alle drei Jungen für unschuldig. Zu diesem Zeitpunkt waren sie Männer in den Dreißigern, die ihr gesamtes Erwachsenenleben lang unter diesem Stigma gelitten hatten. Zwei von ihnen, Trond Petter Gulltveig und Kenneth Hagen Brattetaule, traten mit ihren Namen an die Öffentlichkeit. Im April 2026 einigten sie sich mit dem Staat auf einen Vergleich und erhielten jeweils eine Entschädigung in Höhe von rund 1,1 Millionen Kronen.

Der Fall weckte Vergleiche mit dem Mord an James Bulger in England im Jahr 1993, bei dem zwei zehnjährige Jungen ein Kleinkind töteten. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Kinder im norwegischen Fall von Anfang an unschuldig waren. Was mit Silje Marie Redergård geschah, bleibt ungeklärt.

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